Folgende Texte wurden von den EKG-SchülerInnen anlässlich der Gedenkveranstaltung vorgetragen:

(1) Anzeige gegen Regine Sarah Berg

Beamter: Was haben Sie in der Echternstraße beobachtet?

Wachtmeister: Die Jüdin Regine Sarah Berg, geboren am 16.April 1861 in
Schötmar, hat gegen 11.45 Uhr den Judenstern verbotswidrig nicht sichtbar
getragen.

Sarah Berg: Gegen 12 Uhr wurde ich von einem Wachtmeister in der hiesigen
Echternstraße mit meinem Namen angerufen. Ich blieb sofort stehen, worauf der
fragliche Wachtmeister auf die Verdeckung meines Judensterns hinwies.

Beamter. Wie hatte Frau Berg den Judenstern versteckt?

Wachtmeister: Sie hatte einen großen Schal um den Hals und hielt nun das
herunter hängende Tuch weit ausgebreitet mit der linken Hand über dem
Judenstern fest.

Sarah Berg: Es trifft zu, dass ich zu dieser Zeit ein Halstuch trug und dessen Enden
herunter hingen. Ob hierdurch der von mir getragene Judenstern verdeckt war, kann
ich nicht angeben. Es kann sein, dass durch den Wind das Halstuch seitwärts geweht
ist und dadurch vielleicht den Judenstern verdeckt hat.

Beamter: Was haben Sie danach beobachtet?

Wachtmeister. Wenige Minuten später überholte ich die Jüdin und musste feststellen,
dass sie nunmehr trat Hilfe ihres Schals und einer Sicherheitsnadel den Judenstern
verdeckte.

Sarah Berg: Es trifft nicht zu, dass ich die herunter hängenden Enden des Halstuches
mit einer Sicherheitsnadel über dem Judenstern angeheftet hatte. Ich trage an meiner
Kleidung überhaupt keine Sicherheitsnadeln, weil ich dieselben wegen eines
gebrochenen Armes auch nicht schließen kann. Wohl habe ich an einer Strickjacke,
welche ich unter dem Mantel trage, zum besseren Schließen derselben am Halse
eine einfache Stecknadel angebracht.

Beamter: Ist Ihnen die Jüdin Berg bekannt?

Wachtmeister: Die Jüdin Berg ist mir bekannt. Trotz ihres hohen Alters ist sie geistig
sehr rege. Sie weiß genau, was sie zu tun hat.

Sarah Berg: Sollte der Judenstern verdeckt gewesen sein, so habe ich nicht mit
Absicht gehandelt.

(2) Karla Raveh erinnert sich an die Deportation

Dann kam es, wie leider zu erwarten war. Wir bekamen den Befehl, uns am 27. Juli
1942 auf der Polizeiwache in Lemgo zu stellen. Es gab eine Liste mit Anordnungen,
wie wir uns zu verhalten hatten und was wir mitnehmen durften. ( ... ) Die Aufregung
war riesengroß, so ein "Abschnitt" im Leben kann nie in Vergessenheit geraten. Man
muss sein Heim verlassen und schwebt im Ungewissen.

Es gab ein hektisches Treiben im Haus, meine Eltern mussten an alles denken ( ... ).
Die Großmutter Frenkel war ganz unglücklich, sie sollte ihr geliebtes Haus, welches
sie selbst 1906 neu umgebaut hatte, ihre geliebte Heimat verlassen, das war einfach
zu viel für sie!

Ich wollte meinen Rucksack allein packen, ich weiß noch, dass ich unnütze Sachen
hinein gepackt habe und wenig praktische, alles andere war in den Koffern, die wir
mit nahmen, aber nie bekamen!

Wir durften an Gewicht nur 25 Kilo mitnehmen, zogen uns doppelt und dreifach an
und nahmen außerdem noch Brotbeutel mit. Diese Verpflegung sollte für fünf Tage
reichen. Meinen Eltern muss wohl das Herz weh getan haben, dass sie nicht die
erforderliche Nahrung für ihren kleinen Jungen, er war erst ein Jahr und fünf Monate
alt, mitnehmen konnten. ( ... )

Bis der letzte Abend kam, besuchten uns spät nachts noch treue Lemgoer. Wir
Kinder mussten ins Bett und hörten und sahen nicht mehr viel.

Morgens standen wir früh auf, der Kaffeetisch war wie immer gedeckt und wir
drückten unser Frühstück in Eile runter. (...) Mein Vater beschloss, dass wir in
kleinen Gruppen das Haus verließen, die Gestapo war schon im Haus.
Ich weiß noch, dass ich mich an der Häuserwand entlang schlich,
erinnere mich aber nicht mehr, wer mit mir ging, der Schmerz war zu groß,
um alles wahr zu nehmen.

Auf der Wache hatte ich mich wieder gefasst und stellte fest, dass noch andere
Juden aus der Lemgoer Umgebung anwesend waren, die ich gut kannte. Nun ging
die "Filzerei" los. Man wurde einzeln aufgerufen, in einen Raum geführt, und wir
mussten uns völlig nackt ausziehen. Sie suchten Geld oder Schmuck, fanden aber
nichts.

Inzwischen wurde unser kleiner Uri unruhig und fing an zu weinen. Wir alle versuchten
ihn zu beruhigen, was aber keinem gelang. Er "protestierte" schreiend weiter. Das
wurde der Polizei zu viel, sie ließen sich herab und erlaubten, dass man mit dem
Kind draußen spazieren durfte, und zwar sollte ich das tun. Als ich heraus kam, sah
ich rings herum auf dem Marktplatz eine Menschenmenge stehen ( ... ). Alle starrten
mich an, ich hörte auch, wie jemand sagte, dies sei "der Auszug der Kinder Israel".

Spät nachmittags wurden wir dann in einen Autobus verladen; für das Gepäck gab es
einen Anhänger, der Kinderwagen lag oben darauf.

(Aus: Zum Beispiel Lemgo, hg. v. Walter Spethmann mit dem Literaturkurs des EKG,
Lemgo 2000/01)

Literatur:
Karla Raveh, Überleben. Der Leidensweg der jüdischen Familie Frenkel aus Lemgo,
Forum Lemgo - Schriften zur Stadtgeschichte Heft 1, Lemgo 1986
Zu beziehen über die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe.



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