Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz

Im September 2002 machten sich 11 Schülerinnen und Schüler der 12. Jahrgangsstufe zusammen mit ihrem Lehrer Oliver Arnhold auf den Weg nach Polen, um das ehemalige Konzentrationslager in Auschwitz und die Stadt Breslau zu besuchen. Die Anmeldung zur Fahrt erfolgte freiwillig und individuell. Organisiert war die Bildungsreise von der „Stätte der Begegnung“ in Vlotho. Johannes Schröder, Referent für politische Bildung, hatte ein Programm ausgearbeitet, das neben Führungen durch die Gedenkstätten Auschwitz-Stammlager und Auschwitz-Birkenau auch ein Zeitzeugengespräch mit dem Auschwitz-Überlebenden Tadeusz Sobolewicz umfasste. Ferner fand in Breslau eine Begegnung mit polnischen Jugendlichen eines bilingual ausgerichteten Lyceums statt. Die Breslauer Schülerinnen und Schülern zeigten uns ihre Stadt und Schule. Viele Vorurteile, die zunächst noch über Polen in den Köpfen steckten, wurden durch die persönliche Begegnung mit den Jugendlichen und der interessanten Stadt abgebaut. Im Anschluss an die Fahrt reflektierte unsere Gruppe ihre Erfahrungen in der Arbeitsgemeinschaft „Erinnern für die Zukunft“. Neben der Erarbeitung einer Ausstellung zu der Fahrt erstellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen 45-minütigen Vortrag, um Schülerinnen und Schülern anderer Klassen von den gemachten Erfahrungen zu berichten. Im Folgenden folgt eine verkürzte Zusammenstellung von Eindrücken aus Auschwitz in Tagebuchform, die die Arbeitsgemeinschaft für die oben erwähnte Ausstellung erarbeitet hat:

 

22.September 2002

Am Samstag Morgen waren wir um 6.00 Uhr losgefahren und hatten erst nach einer 14-stündigen Fahrt die Möglichkeit zu schlafen. Nach dem Frühstück fanden wir uns in Gruppen zusammen, um uns über unsere Gedanken und Gefühle auszutauschen. Einige waren schon in verschiedenen Konzentrationslagern gewesen und hatten eine ungefähre Vorstellung von dem, was uns erwarten könnte. Da Auschwitz aber das größte Konzentrationslager war, konnten auch diese nicht sagen, welche Eindrücke und Gefühle uns erwarten würden. Am Abend waren wir schon mit dem Bus an dem Gelände vorbeigekommen. Dies hatte viele sehr stark berührt. Der plötzlich auftauchende Stacheldraht und die in regelmäßigen Abständen erscheinenden Wachtürme erweckten eine gespenstige Atmosphäre. Jetzt sprach man nicht nur von dem Ort, wo Millionen von Menschen ermordet worden waren, man stand direkt davor. Es war sehr kalt und die angespannte Stimmung löste ein unangenehmes Gefühl aus. Im Auschwitz-Stammlager angekommen hatte man anfangs noch nicht das Gefühl, dass dies ein Ort sei, wo ein unfassbares Grauen stattgefunden hat. Es waren viele Gruppen da, insbesondere israelische: Einige liefen sogar mit ihren Nationalfahnen herum. Es gab Bücher, Postkarten, Videos, Eis und viele andere Produkte zu kaufen, die das Gefühl, sich an einem Vergnügungsort zu befinden, nicht vermeiden ließen. Wir wurden in zwei Gruppen aufgeteilt und gingen von nun an getrennte Wege. In Auschwitz 1-Stammlager waren sehr viele Ausstellungen vorhanden. So konnte man sich ein Bild von den Lebensumständen im Lager machen. Als besonders grausam empfanden wir den Nachlass der Häftlinge. Hinter Glasscheiben konnten wir Tausende von Brillen , Prothesen, Bürsten, Koffern und Schuhen sehen. Das wohl erschreckenste waren zwei Tonnen Menschenhaare, aus denen Kleider oder Matratzen gemacht werden sollten. Sehr getroffen wurden viele, als wir Babykleidung und Bilder von den abgemagerten Häftlingen sahen. Jede(r) von uns hatte die Möglichkeit, eine Rose an eine Stelle der Gedenkstätte niederzulegen. Abends trafen wir uns, um über den Tag zu sprechen, viele mussten daraufhin diesen Tag für sich selber beenden und zunächst einmal „verdauen".

 

23. September 2002

Heute besuchten wir das Konzentrationslager Auschwitz 2-Birkenau, das hauptsächlich als Vernichtungslager diente. Dieses Lager wirkte auf uns noch beklemmender und grausamer als Auschwitz 1, weil es stärker zerfallen war und man nicht so viele Ausstellungen betrachten konnte. Der Himmel war grau und trostlos, was unseren Eindruck noch verstärkte. Wir kamen durch das Haupttor, durch welches auch die Gefangenen in das Lager gekommen waren, hinein. Soweit man sehen konnte, waren überall nur Häftlingsbaracken - oder das was davon übrig geblieben ist - zu erkennen. Und natürlich Zäune soweit das Auge reichte. Wir gingen durch die verschiedenen Bereiche des Geländes, wie zum Beispiel dem Quarantänelager für die neu ankommenden Häftlinge, den Sanitärblöcken oder den Baracken der Häftlinge der Strafkompanie. Im Gegensatz zu Auschwitz 1 war nicht so viel renoviert worden, dadurch wurden uns die schrecklichen Lebensumstände, die die Gefangenen ertragen mussten, stärker bewusst. Nach der Besichtung der Baracken und der Rampe gelangten wir zu den Ruinen der Gaskammern und Krematorien. Uns wurde ganz anders, als wir vor den Trümmern eines Gebäudes standen, in denen unendlich viele Menschen ihr Leben gelassen haben. Anschließend kamen wir zu einer Wiese, die von Bäumen umgeben war. Sie wirkte etwas abseits vom Rest des Lagers und irgendwie trostspendend und ruhig. Doch gerade dort wurden ebenfalls viele Menschen grausam getötet. Zuletzt gingen wir noch durch die „Sauna“. Auf einem hellen Glasboden durchliefen wir genau die Stationen, die die Häftlinge kurz vor ihrem Tod in der Gaskammer durchliefen... Am Ende erwartete uns ein Raum mit schwarzem Fußboden, an deren Ende Fotowände mit persönlichen Fotos von Häftlingen standen. Diese Fotos spiegelten sich in dem Boden wieder. Sie zeigten scherzende Männer, Kinderfotos, Hochzeit - und Familienbilder sowie Abbildungen von glücklichen Müttern. Von einigen im KZ ermordeten Familien war die Geschichte zu lesen. Mit dieser Ausstellung soll den Menschen, denen in Birkenau ihre Identität genommen werden sollte, diese zurückgegeben werden. Wenn man sich vorstellt, dass hinter jedem Einzelnen im KZ umgekommenden Menschen ein Schicksal steht...

Ebenfalls trafen wir in Birkenau eine Gruppe jüdischer Schülerinnen und Schüler, welche wir bereits am Vortag in Auschwitz-Stammlager gesehen hatten. Als wir an ihnen vorbeigingen, konnte man die Spannung, die zwischen diesen beiden Gruppen lag, förmlich spüren. Auch wenn immer gesagt wird, dass unsere heutige Generation an der Vergangenheit keine Schuld trägt, fühlten wir uns trotzdem irgendwie schuldig und verantwortlich. Wir spürten, dass die unsere Geschichte weiter lebendig ist und unser denken und Fühlen beeinflusst. Am Nachmittag hatten wir dann ein Gespräch mit dem Zeitzeugen Tadeusz Sobolewicz. Er war in verschiedenen Konzentrationslagern und ist am Ende auf einem der „Todesmärsche“, auf denen die Nazis Häftlinge ins Deutsche Reich getrieben haben, geflohen. Dieses Gespräch verdeutlichte uns allen, dass hinter der Opferzahl Menschenleben stehen, unendlich viele einzigartige, wertvolle Charaktere. Das Ausmaß der Katastrophe kann man einfach nicht in Zahlen fassen, es ist unbeschreiblich. Tadeusz Sobolewicz machte uns aber auch deutlich, dass die Vergangenheit die Zukunft nicht behindern darf. Es ist unser Auftrag, der Opfer in Auschwitz zu erinnern und zu unser Aussöhnung der Völker beizutragen, damit „Auschwitz nicht noch einmal sei“ (Theodor W. Adorno).

Literatur:
Annette Wieviorka, Mama, was ist Auschwitz? Taschenbuch, 5,95 Euro, ISBN 3548600883
 

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