„Ein Bild des Grauens“

Eine Exkursion in das ehemalige Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg

Über das, was in Neuengamme in der Zeit von 1938-1945 passierte, geben die Häftlingsberichte Auskunft, die heute in der Gedenkstätte Neuengamme einzusehen sind. Der KZ-Häftling Ewald Gadzik berichtete: „Ab 1940 wurde mit 300-400 Häftlingen an der Dove-Elbe gearbeitet. Die Häftlinge waren der Witterung schutzlos ausgeliefert. Die Arbeit musste im Laufschritt gemacht werden. Der geförderte Schlamm wurde in Loren abtransportiert und verteilt – bis zur völligen Erschöpfung der Häftlinge. Polen, Juden und „Zigeuner“ mussten warten, bis alle anderen ihr Mittagessen bekommen hatten, bevor sie selbst etwas bekamen – wenn dann noch ‚Suppe’ übrig war. Auf dem Rückweg ins Lager mussten die Häftlinge die Kranken und die während des Tages Gestorbenen mitschleppen.“ Der KZ-Häftling Stane Tusar: „Es gab täglich Tote. Russische und ukrainische Häftlinge, manche im Alter von 15 Jahren, litten so unter Hunger, dass sie Gräser aßen. Davon bekamen sie Durchfall und starben.“ Der KZ-Häftling Willi Lenz: „Die SS jagte Häftlinge über die Postenkette. Der Häftling bekam von einem SS-Mann den Befehl, eine absichtlich über die Postenkette geworfene Mütze zurückzuholen. Wenn der Häftling diesen Befehl ausführte, wurde er von einem Wachtposten ‚auf der Flucht’ erschossen.“

Am 5. November 2004 machten wir uns (die Klassen 9a und 9b) auf den Weg nach Neuengamme bei Hamburg. Doch dies war keine gewöhnliche Exkursion. Die dreistündige Busreise brachte uns in ein ehemaliges Konzentrationslager. Zu Beginn der Führung wurde uns ein Film gezeigt, der über das Schicksal der Häftlinge und die Gründe, warum sie dort waren, berichtete. Anschließend wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt und zu verschiedenen Plätzen des ehemaligen Konzentrationslagers gebracht, an denen unsere Führungen beginnen sollten. Zwei Gruppen blieben in der Ausstellung und begannen dort ihre Führung. Die anderen wurden zurück zur Gedenkstätte gebracht, wo ihre Führung begann. In der Gedenkstätte waren die Namen der Toten, die bei ihrer Ankunft durch Nummern ausgetauscht wurden, aufgelistet. Allerdings war dies schätzungsweise nur die Hälfte der Namen der Verstorbenen. Insgesamt kamen 55.000-106.000 Häftlinge um, die genaue Zahl ist schwierig zu ermitteln. Das hing damit zusammen, dass, als das Lager vor Ende des Krieges kurz davor war, von den Briten befreit zu werden, die SS den Befehl gab, alle Dokumente zu verbrennen. Die Namen, die noch vorhanden sind, wurden heimlich von Häftlingen abgeschrieben und dann vergraben. Jetzt hängen die Namen auf langen Stoffbahnen in der Gedenkstätte an den Wänden.

Die eigentliche Ausstellung befindet sich in einer alten Fabrik der Walther-Werke auf dem KZ-Gelände, in der Häftlinge Waffen für den Krieg produzieren mussten. Im KZ waren einige Unternehmen, die die Häftlinge als preiswerte Arbeitskräfte nutzten. Aber es gab in den Außenlagern von Neuengamme (über 80 Stück) noch viele weitere deutsche Unternehmen, die von der Arbeit der KZ-Häftlinge profitierten. In den Fabriken des Konzentrationslagers mussten die Häftlinge sehr hart arbeiten bis sie starben. Denn das Ziel der Nationalsozialisten war: Vernichtung der KZ-Häftlinge durch Arbeit. Wenn sie eine bestimmte Arbeit nicht richtig oder auch nur in den Augen der SS-Leute ‚falsch’ gemacht hatten, wurden sie bestraft, indem sie zum Beispiel kein Essen bekamen, geschlagen oder sogar getötet wurden.

Wegen des sehr schlechten Wetters, das während unseres Aufenthaltes in Hamburg herrschte, und der Tatsache, dass viele Gebäude nicht mehr standen, konnte uns das gesamte Gelände und die genauen Standorte der Gebäude nicht alle gezeigt werden. Heute befindet sich auf dem Gelände neben der Gedenkstätte und den alten Fabrikgebäuden ein Mahnmal. Außerdem steht dort, wo früher die Lehmgruben waren, eine JVA. Trotzdem hat sich unser Besuch in Neuengamme sehr gelohnt: Wir konnten sehr viel darüber lernen, was Leben in einem Konzentrationslager bedeutete und was für Grausamkeiten dort vor sich gingen. Da die Sachverhalte sehr anschaulich erklärt wurden und sehr viele originale Gegenstände zu besichtigen waren, konnte man sich eine sehr reale Vorstellung davon machen, wie sehr die Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus in den Konzentrationslagern leiden mussten.

Wir hoffen, dass wir euer Interesse, selbst einmal eine solche Gedenkstätte zu besuchen, mit diesem Artikel wecken konnten.

[Seda Devran & Tobias Brandt]

aus: impulse, Schülerzeitung des EKG, 5.4.2005

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