„Meine Sprache wohnt woanders“- Gedanken zu Deutschland und Israel
Ein Artikel von Bernadette Hof und Felix Busse (Jgst. 11) zur Lesung von Lea Fleischmann 
am 17.2.2006 in der Stadtbücherei Lemgo

Meine Sprache wohnt woanders, so lautet der Titel des neusten Buches von Lea Fleischmann. Schon der Lebenslauf der Autorin ist bemerkenswert. Eine Frau, die es nicht mit sich vereinbaren konnte, mit ehemaligen Kriegsverbrechern und den Folgen des Nationalsozialismus Seite an Seite zu leben, wendet sich Ende der 70er von ihrem Heimatland ab. Eine Feministin, die in der Frankfurter Frauenbewegung engagiert war, gibt ihre Staatsbürgerschaft ab und sucht sich etwas Neues, möglicherweise eine neue Identität, zu groß ist die Abneigung gegen die Geschichte ihres Landes. Zu dieser Zeit war sie sich nicht die Einzige, die diesen Plan verfolgte, aber ihr Ziel unterschied sich von anderen: Jerusalem. Sie begab sich nach Israel, und fand etwas, was sie in Deutschland nie erlebt hätte. Aus dem Judentum schöpft sie Kraft, Stärke und Zufriedenheit. Es regte sie an, ihren bisherigen Lebensstil zu überdenken und sich an neuen Maßstäben zu orientieren. Die Erfahrung möchte sie uns in ihrem Buch näher bringen, welches sie zusammen mit dem Schriftsteller Chaim Noll verfasst hat. Dies war auch der Anlass für die Lesung am 17.Februar 2006 in der Stadtbücherei Lemgo.

Zwei Religionskurse von Herrn Arnhold besuchten die Lesung. Obwohl zugegebenermaßen wenig Interesse bestand, betraten wir die Stadtbücherei und versetzten den Veranstalter in eine Art positive Panik. Er hatte nicht so viel Andrang erwartet, vor allem nicht von jungen Leuten: Wieso sollte er? Deutschland und Israel. Ein Thema, bei dem die meisten einfach nur noch abschalten möchten. Haben wir uns nicht schon genug Vorwürfe gemacht und machen lassen?! Sollte man die Geschichte nicht ein wenig ruhen lassen? Müssen wir, die damals nicht dabei waren, Verantwortung übernehmen? Die Einleitung des Veranstalters bestätigt vorübergehend diese Befürchtung. Er, damals Student, begab sich mit seinen Studienkollegen nach Jerusalem, um schließlich von einem Israeli gesagt zu bekommen, er wäre nicht nach Israel ausgewandert, um wieder die Sprache Hitlers zu vernehmen.Ein versteckter Vorwurf? Sollen wir uns wieder einmal schuldig fühlen? Mit der wachsenden Abneigung, die aus diesen Assoziationen resultiert, erwarten wir nun Lea Fleischmanns Lesung.

Eine unauffällige, kleine Person greift zu ihrem Buch und beginnt. Sie erzählt von ihrer Vergangenheit in Deutschland und ihrem Konflikt mit der Geschichte des Landes. Schon jetzt fällt auf, dass ihre Stimme, obwohl leise, keineswegs wirkungslos ist. Mit Ruhe und Selbstsicherheit gleitet sie von Zeile zu Zeile. Mit vielen Details versetzt sie uns in ihre Lage und es ist uns gut möglich, ihre damalige Verfassung nachzuempfinden. Wir erleben mit ihr das Leben in Jerusalem, die Orientierung am Judentum und ihre Auswirkungen. Und plötzlich stellt man sich Fragen. Wäre es nicht auch erstrebenswert, den Alltag sinnvoller und bewusster zu gestalten, wie z.B. einen Tag zu haben, an dem man wieder zu sich selbst findet und man wieder mit sich in Einklang kommt? Dies findet Lea Fleischmann in dem heiligen Schabbat, obwohl sie zuerst Schwierigkeiten hatte, dessen traditionellen Inhalte anzunehmen. Doch schon bald werden die Vorbereitungen für diesen Feiertag zur Aufgabe ihrer Woche, in der sie nun langsam Balance findet. Natürlich ist das Leben der Autorin alles andere als ruhig. So erzählt sie, wie auch sie vom Stress des Lebens verfolgt wird und Gefahr läuft, sich ihm zu ergeben. Oder die Angst, die sie hat, als ihre Kinder in Israel Wehrpflicht leisteten, genauso wie die Gefahr der Anschläge von Seiten der Palästinenser. Ihr jüdischer Glaube nimmt ihr diese Tatsachen nicht ab, das ist klar. Aber es hilft ihr, sie zu überstehen, mit ihnen umzugehen, ohne selbst daran zu scheitern. Mit dieser Kraft, die sie daraus gewinnt, erlebt sie die Welt anders, als es die meisten tun. Bewundernswert? Auf jeden Fall. Erstrebenswert? Wahrscheinlich. Das heißt nicht, dass wir uns nun alle am Judentum orientieren sollten. Das sicher nicht. Aber vielleicht sollten wir uns einen Fixpunkt suchen, oder einen roten Faden, der uns hilft, unser Leben dauerhaft zu bewältigen. Für Lea Fleischmann ist dies das Judentum.

Man muss nicht unbedingt mit all ihren Ansichten übereinstimmen, z.B. mit ihrer einseitig pro israelischen Einstellung zu dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Aber das ist auch nicht ihr Ziel. Sie wollte uns etwas klarmachen, vielleicht kann man es auch als einen Rat oder sogar als Mahnung verstehen. Suche dir einen Anhaltspunkt im Leben und lass dich nicht mit- und zerreißen von Hektik, Stress und anderen Tücken. Nur so erreicht man das, was Lea Fleischmann schon gefunden zu haben scheint: Innere Zufriedenheit, Ausgeglichenheit und Harmonie.

 

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